Liebe Besucherin, lieber Besucher

Herzlichen Dank für Ihr Interesse an unserem neuesten Kurzbericht. Die Rubrik "Kurzberichte" ist kein offizielles oder amtliches Publikationsorgan der Gemeinde. Vielmehr versteht sie sich als ein offenes Forum, in welchem Schreiberinnen und Schreiber als Privatpersonen in freier Form über kleinere und grössere Geschichten aus unserem Dorf, aber auch über Truttiker Beteiligungen am sonstigen Weltgeschehen berichten.

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Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen beim Lesen!

Jolanda Derrer-Hofmann, Gemeindepräsidentin



Im Rahmen der Kulturförderung der Stadt Winterthur erhielt der in Truttikon aufgewachsene (und als Kurzberichtschreiber bestens bekannte) Vincent Hofmann im letzten Sommer das begehrte Atelierstipendium in Berlin. Dieses Stipendium ermöglicht einem Kulturschaffenden einen längeren Aufenthalt in der Grossstadt.

Vincent Hofmann absolvierte seine Ausbildung an der Hochschule für Gestaltung Zürich. In den vergangenen Jahren hat er seine Werke an verschiedenen Ausstellungen präsentiert, so u.a. an den Dezemberausstellungen der Künstlergruppe Winterthur in den Jahren 2007, 2008 und 2009. Zu Beginn des Jahres wurde er in die Künstlergruppe als neues Mitglied aufgenommnen.

Nebst der Malerei beschäftigt sich der 30-jährige Hofmann gerne auch mit Musik. So ist er regelmässig als Bassist der Popgruppe "Plankton" auf den Konzertbühnen im Lande anzutreffen.

Kürzlich ist Vincent Hofmann vom 6-monatigen Aufenthalt aus Berlin zurückgekehrt. Für die Truttiker Homepage hat der junge Künstler einige seiner Eindrücke aus der deutschen Hauptstadt festgehalten.

(PJW)

Die Stadt Winterthur hat mich nach Berlin geschickt

Text: Vincent Hofmann
Fotos: Melanie Kempf

Prolog

Im Restaurant Helvetia in Kreuzberg wird heftig diskutiert. Schnell ist man bei den Unterschieden zwischen Zürich und Berlin. Man tut sich schwer, weil es nicht viele gibt. Zumindest fast keine sichtbaren. Idaplatz -Flair kann man dort wie da zertreten soviel man will. Dass die Schweizer sich ständig in einen Erklärungsnotstand manövrieren und immerzu sagen müssen, warum sie hier und nicht da sind, gilt in Berlin auch nicht als Unterschied, auch wenn es dem Selbstverständnis des schweizerischen Bohémiens so gut täte. Tanja Gutmann, Exil- und ExMiss Schweiz, brachte diesen ewigen Definitions- und Selbstverblendungszustand in einer Diskussion so auf den Punkt: Für sie gäbe es schon lange keine Unterschiede mehr. Es sei in allen europäischen Städten gleich: Junge Leute halt, die etwas machen wollen.

Wer hat diese Wohnung so aufgeräumt ?



Berlin ist sehr aufregend. Etwa so aufregend wie meine Wohnung, wenn die Mutter auf Besuch war. Dann sucht man Sachen und findet sie nicht, ärgert sich dann sehr und noch mehr darüber, dass man bei der Suche ständig andere Sachen entdeckt, die einen von all dem abbringen, was man eigentlich wollte. Es stapelt sich die Sammlung von Zufällen. Sie kann einem Neuankömmling die Beinfreiheit kosten.



Karaoke beim Flohmarkt


Vielleicht um dem zuvorzukommen, lümmelt der europäische Jungadel Sonntags in Haufen zu Flohmärkten und Backsteinruinen und veranstaltet eine Art Trompe- l'oeil Training zur besseren Unterscheidung des wirklich Nützlichen vom " Nur - als - nützlich - Erscheinenden".
Er gräbt sich dafür durch schmutzige Unterwäscheeimer oder zerkratzte Kassettensammlungen, pudelt sich unter Gittern durch, gräbt in Ton-, Stein- und Scherbenhaufen und hat so vielleicht die Hoffnung unter der Woche die Konzentration auf das Studium weniger zu verlieren. Gratis, Glück und Chancen das ist Sonntag, unter der Woche ist dann hart aber fair.
Abschliessend wird dann noch ein Trompe- l' oreille Training veranstaltet:
Ein Karaoke für Jedermann mit Tausenden von Zuschauern.


Stadt als Auslegeordnung


Die Stadt der ständigen Verwandlung, an der 4 Millionen Menschen rumdefinieren, verschluckt riesige Mengen solcher Definitionen. Diese gehen dann oft als zu kleine Marktlücken irgendwo in einer Strasse auf und wieder zu. Dies geschieht in grosser Geschwindigkeit, so dass manchmal die eigene Strasse nicht mehr wiederzuerkennen ist. Was in dieser riesigen Auslegeordnung jedoch unabdingbar ist, wird meist von den, in der Peripherie lebenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bereitgestellt, die für viel zuwenig Euros arbeiten und so das günstige Leben der anderen mitermöglichen.


Entweder man lebt nicht in der Stadt und arbeitet da oder man lebt in der Stadt und arbeitet im Ausland. Dies macht das alltägliche Leben in Berlin sehr entspannt.
Man sieht die Arbeiter morgens nicht in die Stadt fahren, weil man dann noch schläft und abends nicht nach Hause fahren, weil man dann überlegt, wohin man ausgehen soll. Man weiss nicht, wer gebaut hat, was plötzlich dasteht. Ein Indiz dafür ist, dass man sich über Arbeiter nicht nur in der Volksbühne Geschichten erzählt. Zum Beispiel, dass sie morgens schon in der U - Bahn Bier tränken.

Geschichte als Auslegeordnung


Wie die schnellen Veränderungen in einer Strasse oder im repräsentativen Teil der Stadt, habe ich Geschichte nur als Schock erfahren. Die grossen Erzählungen von Mauer und Grossem Reich standen rum wie ein ausgeleiertes, verstaubtes und nicht vorteilhaft riechendes Paar Schuhe und verschlossen den Blick auf das Gegenwärtige von Geschichte.
Ich dachte, Wahrnehmung von Geschichte funktioniere vielleicht überhaupt nur als Schock oder Déjà - Vue. Und wer Geschichte schreibe, suche nach Teilchen, die solche Déjà -Vues produzieren. Er lege sie vielleicht aus, wie jemand der auf einem Tuch an der Strasse seine Dinge feil hält und ziehe Schlüsse aus den Reaktionen, die sie in den Köpfen hervorrufen.
Ich fand, dass jede Erzählung von geschichtlichen Ereignissen, diesen Ereignissen nicht gerecht wird, weil eine Erzählung anderen Gesetzmässigkeiten folgt, sie in eine andere Zeit versetzt und dabei negiert, dass Vergangenheit weder ein Ende noch ein Anfang hat, sondern sich mit der Zeit wandelt und immer nur jetzt ist und überhaupt sein kann.

Epilog

Promis bringe ich heim:

Botschafterpaar Blickenstorfer: graue Mäuse, servierten verkochtes Gemüse
Tanja Gutmann: tolle Augen und auch sonst wacher Kopf
Carlos Leal: hochnäsig, immer am Interviews geben, isst/trinkt keinen Apéro
Nicolas Bideau: besoffen in einer Ecke (keine Kollegen)
Robert Wiesnekker: besoffen an der Bar (kennt niemand)
Der Pfarrer bei Lüthi und Blanc: ist so wie im Film, findet die CH eng
Sowieso viele von Lüthi und Blanc: weil die nichts zu tun haben momentan
Martin Rapold (Tag und Nacht): zieht immer lange Hosen an zum joggen.
Die Inderin im Film die Standesbeamtin: sagt immer sie sei Inderin im Film die Standesbeamtin. Oder ist sie von Indonesien. Ich habs vergessen.
Und noch viele mehr, die etwas machen wollen.


 

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